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Gemeindestiftung

Zeitungsinterview zur Stiftungsgründung 2006

Können Sie etwas zur Vorgeschichte des Stiftungsgedankens sagen? Wieso kommt die Idee gerade jetzt auf - wird die Finanzlage spürbar schwieriger?

Schon als ich mir dem Theologiestudium anfing (im letzten Jahrtausend) wurde von den leeren Kassen erzählt. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es etwas anderes gab, als dass über die Finanzmisere in der Kirche lamentiert wurde. Das Kirchensteuersystem hat uns aber viele Jahrzehnte lang in Deutschland sehr gute Einnahmen gebracht. Nur so konnte neben der staatlichen Sozialarbeit ein großes kirchliches Sozialnetzwerk aufgebaut werden, dass heute gar nicht mehr wegzudenken ist und weder staatlich, noch von Initiativen oder gar kommerziellen Anbietern übernommen werden könnte. Nun hat die Politik beschlossen, das Steuersystem zu ändern und ihre Einnahmen stärker an den Konsum und weniger an die Einkommen zu koppeln. Dadurch verringert sich natürlich die Kirchensteuer, weil sie direkt von der Lohn- und Einkommenssteuer abhängig ist. Dazu kommen die Kirchenaustritte und der sog. demografische Faktor, dass immer weniger Menschen in den Industrieländern am Arbeitsprozess teilnehmen. Gleichzeitig wird Arbeit immer teuerer, das weiß jeder Arbeitgeber. Und weil 80% der kirchlichen Finanzmittel Personalkosten sind, werden auf dieser Seite die Ausgaben immer größer. Mittelfristig kann dieses System nicht mehr gehalten werden. Unsere Landeskirche versucht seit Jahren über verschiedene Einsparungsmöglichleiten gegenzusteuern. Die Zuweisungen an die Kirchengemeinden werden geringer und demnächst wird es zu einer Budgetierung kommen, d.h. die Gemeinden bekommen einen festgesetzten Betrag und mit dem müssen wir auskommen. Seit Jahren wird uns gesagt, dass wir sparen müssen und zu Einnahmen kommen müssen. In Nierstein sind das neben wenigen Pacht- und Mieteinahmen in erster Linie Spenden und Kollekten. Da wir aber verhältnismäßig hohe Personalkosten haben, müssen wir langfristig auf anderem Wege, als über kirchliche Zuweisungen zu festen Einnahmen kommen, wollen wir Küsterin, Hausmeisterin, Schreibkraft oder Kirchenmusikerin weiter beschäftigen. Vor Jahren hat die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) eine Aktion gestartet unter dem Motto: Stiften tut gut. Dabei erinnert die EKHN daran, dass Stiftungen schon seit vielen Jahrhunderten, soziale und kirchliche Aufgaben unterstützen. Allein im Jahre 2006 sind in der EKHN 22 Stiftungen entstanden. Ich habe schon auf unserer Internetseite gesagt: Ich würde mich freuen, wenn in 15-20 Jahren die Menschen in Nierstein sagen: „Gut, dass die Alten das gemacht haben."

Was ist die Aufgabe der Stiftung - was soll, was kann sie leisten? Wie viel Geld könnte da bewegt werden?

Eine Stiftung funktioniert ja so, dass Kapital angelegt wird. Dieses Kapital darf nicht angefasst werden. Es darf nur mehr werden, niemals weniger. Jährlich können dann die anfallenden Zinsen für den Stiftungszweck, für uns die Gemeindearbeit aufgewendet werden. Die Kirchenkasse garantiert uns derzeit 5% Zinsen. So kann man leicht ausrechnen, ab welchem Betrag eine Stiftung was leisten kann. Wir wollen starten mit einem Mindestbetrag von 20 000.- €. Dabei kann es natürlich nicht bleiben, denn das würde im Jahr derzeit 1 000.- € Stiftungsgewinn ergeben. Damit kann hier und da eine Anschaffung unterstützt werden - mehr nicht. Wir haben uns für die nächsten 15 Jahre als Ziel ein Stiftungskapital von einer Million Euro gesetzt. Auch wenn das nicht erreicht wird, zeigt es den Umfang, den eine Gemeindstiftung braucht, soll sie etwas austragen. Die jährlichen 50 000.- € könnten dann tatsächlich einen Teil der Gemeindearbeit tragen. So könnte gewährleistet bleiben, dass auch noch unsere Kinder noch konfirmiert werden oder auf Freizeiten fahren, dass die Kirche am Ort handlungsfähig bleibt, dass die älteren Menschen versorgt und begleitet werden. Die tägliche Lebenshilfe in einer Kirchengemeinde hängt nicht nur am Pfarrer, sondern an allen Mitarbeitenden, sowohl ehren- wie hauptamtlichen.

Gibt es schon konkrete Projekte, die davon profitieren könnten?

Nach unserer Vorstellung sind es nicht in erster Linie Projekte, die unterstützt werden, sondern es werden anfallende Notwendigkeiten sein. Es wird einen Stiftungsvorstand geben, der gemeinsam mit dem Kirchenvorstand jeweils über die Verwendung des Stiftungsgewinnes entscheiden wird. In den ersten Jahren wird diese Geld als zusätzliches Geld angesehen werden können, das mal für die Kinder- und Jugendarbeit, für den Kindergottesdienst oder für die Anschaffung von wichtigem Material verwendet werden kann, was nicht aus dem Haushalt finanzierbar ist. Zunehmend soll es aber die Arbeit absichern. Ohne ehrenamtliches Engagement wäre schon heute die Arbeit einer Kirchengemeinde nicht leistbar. Schön, dass sich so viele Menschen in Nierstein an den unterschiedlichsten Stellen, von der Kinder- und Jugendarbeit, über die Stille Not bis zur Hilfe im Johanneshaus wöchentlich engagieren. Nicht zuletzt ist ja auch die Arbeit im Kirchenvorstand ehrenamtlich. Wir müssen aber aufpassen, dass wir diese Ehrenamtlichkeit nicht überfordern. Wenn in einer so großen Gemeinde, wie der unseren der Küsterdienst auf Dauer ehrenamtlich geschehen soll, wenn die Hausmeistertätigkeit im Johannes-Busch-Haus oder die Chorleitung des Kirchenchores ohne Hauptamtliche gestemmt werden soll, ist das auf Dauer nicht leistbar und wird zu Qualitätsverlust und zu geringerer Präsenz der Kirchengemeinde im Ortsgeschehen führen.

Wie kann und soll die Gemeinde konkret in die Stiftung eingebunden werden - sprich: Was bedeutet die Stiftung konkret für das Gemeindeleben?

Im Juni soll im Johannes-Busch-Haus für zwei Wochen die Ausstellung „Stiften tut gut" zu sehen sein. Damit auch augenscheinlich wird, dass etwas angestoßen wird, soll am 30. Juni während der Ausstellung ein Stiftungsfest stattfinden, an dem die Stiftung aus der Taufe gehoben werden soll. An diesem Tag sollen auch die „Anstifter" den ersten Stiftungsvorstand wählen, der dann versuchen wird, die Stiftung im Bewusstsein der Gemeinde zu halten. „Anstifter" sind die Menschen, die sich bereit erklären, mit einer Mindesteinlage von 1 000.- € die Stiftung anzustoßen. Im Gemeindeleben soll die Stiftung dann die Rolle einer „Möglichkeit" einnehmen. Einerseits die Möglichkeit, Geld zu stiften, mit dem Wissen es wird auf lange Zukunft eine wichtige Arbeit unterstützen und andererseits, dass mit dem Stiftungsgewinn eine unabhängige Gestaltungsmöglichkeit der Gemeindearbeit gewonnen wird.

Welche Schritte haben Sie bereits unternommen und was ist als nächstes dran?

Wir haben verschiedene Persönlichkeiten in Nierstein angefragt, ob für sie die Rolle des „Anstifters" in Frage kommen. In dem Brief wird angeboten, dass ein persönliches Gespräch geführt werden kann. Unsere Anfrage konnte natürlich nicht an alle Einwohner Niersteins gehen, deshalb freuen wir uns natürlich auch über Menschen, die aufgrund dieses Artikels oder wenn sie sonst davon hören, nachfragen wollen. Ich bin dann gerne bereit in einem persönlichen Gespräch über die Hintergründe der Stiftung zu informieren. Jetzt hoffen wir darauf, dass sich genügend Menschen finden, damit das von uns festgelegte Mindeststartkapital erbracht werden kann - also 20 000.- € zusammen kommen. Wenn das geschehen ist wird mit dem Stiftungsfest am 30. Juni die Gründungsphase abgeschlossen. Danach werden gute Ideen und Fantasie gebraucht werden, wie die Stiftung weiter wachsen kann. Dass es bei der Idee einer Gemeindstiftung nicht nur um Geld geht, sondern auch um die damit signalisierte Unterstützung der Verkündigung des Wortes, das unsere Grundlage bildet, soll der Arbeitstitel der Stiftung zeigen. „...auf dem Weg" ist Name und Programm der Stiftung. Die Hauptaufgabe einer Kirchengemeinde ist die Verbreitung des Wortes in Verkündigung, Lehre und Seelsorge. Diese Aufgabe braucht einen Rahmen, in dem das Bild vom Reich Gottes entwickelt werden kann. Ohne den Rahmen verlaufen die Farben und das Bild wird verworren und verschwommen. So wollen wir uns auf den Weg machen, wie die Emmausjünger (Lk 24, 13 - 35), die nach dem Tode Jesu zunächst resigniert nachhause gehen wollen. Als sie dem Auferstandenen begegnen, begreifen sie, dass sie sich selbst auf den Weg machen müssen und dazu die Bedingungen schaffen müssen und sie kehren um, zurück nach Jerusalem, um weiter zu machen. Diese Geschichte ist in einer Übertragung so etwas, wie die Gründungsgeschichte unserer Gemeindestiftung. Sie ist nachzulesen unter www.martinskirche-nierstein.de; in der gemeindestiftung.pdf auf dieser Seite. Sie soll die theologische Grundlegung deutlich machen. Natürlich: Auch wir reden von Geld, aber wir tun das, weil es eine Notwendigkeit darstellt in unserer heutigen Zeit das Wort Gottes in der Welt präsent zu halten. Und dass das wichtig ist, das Wort Gottes in diese Welt zu sagen, manchmal zu brüllen, kann in jeder Ausgabe der AZ auf den Nachrichtenseiten nachvollzogen werden. Vom Reich Gottes ist unsere Welt meilenweit entfernt, damit es nicht Lichtjahre werden, dafür setzen wir uns mit unserer täglichen Arbeit mit vielen Menschen auf der Welt ein.

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