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Meditatives in der Kar-Woche

Die Komplet im Dalberg-Herdingschen Schloss in Nierstein

Zwölf Menschen stehen in einem Kreis. Gemeinsam singen sie 20 Minuten ein Gebet - ohne musikalische Begleitung. Stühle gibt es nicht. Doch anders als man vermuten könnte, handelt es sich nicht um Mönche oder Nonnen, die sich zum Abendgebet versammelt haben, sondern um evangelische und katholische Christen in Nierstein. „Vielleicht hört sich das für manchen rein katholisch an, aber auch in evangelischen Bruderschaften und Gemeinschaften werden die Stundengebete gesungen, deshalb wurden sie auch in Anhang unseres Gesangbuches aufgenommen", erklärt Gemeindepfarrer Richard Dautermann von der Evangelischen Kirchengemeinde Nierstein. Von Montag bis Samstag in der Kar-Woche, jeweils um 18.00 Uhr singen Interessierte täglich in der historischen Kapelle der Malzfabrik das traditionelle Nachtgebet - die Komplet. Der einförmige Gesang lädt ein, das tiefgründige Fühlen auszudrücken und das Nachdenken zu fördern. Auch der Gebetsort ist etwas Besonderes. Als Hauskapelle vor 170 Jahren von der Freifrau Ursula von Herding erbaut, wurde sie wohl nie in ihrer eigentlichen Bestimmung genutzt. Sie verlegte ihren Wohnsitz nicht wie geplant von München nach Nierstein und starb schon 1860. Der Erbe verspielte das Schloss und es wurde versteigert und kam schließlich in den Besitz eines Bierbrauers, der eine Mälzerei und eine Brauerei einrichtete. Heute gehört das Anwesen der Firma Durst. Viele Niersteiner wissen zwar, dass es dort eine Kapelle gibt, aber nicht viele kennen sie von Angesicht. Allein die Atmosphäre lohnt einen Besuch. Pfarrer Dautermann wird als Vorsänger in die Komplet einführen. Beim Psalmodieren singt immer ein Kantor vor und die Gemeinde antwortet singend oder stimmt mit ein. Im letzten Jahr hat sich herausgestellt, dass ein Proben nicht nötig ist. "Ich finde es gut, weil das Singen von Psalmen bis jetzt für die Gemeinde ja noch etwas eher Unbekanntes ist. Der Raum ist aber auch gut geeignet dafür", so eine Teilnehmerin im letzten Jahr. Grundsätzlich haben Stundengebete den Zweck, einzelne Tageszeiten mit ihrer Besonderheit vor Gott zu bringen und zugleich das Gebet rund um die Erde nicht abreißen zu lassen. Von der Idee, so etwas in der Karwoche zu machen, zeigte sich auch eine weitere Teilnehmerin begeistert. "Ich finde es ideal, um zur Ruhe zu kommen. Das gleichförmige Singen macht frei im Kopf. Auf die Singkünste kommt es dabei gar nicht an."

 

So beschrieb es die Mainzer AZ.

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